Nicht immer lähmt das Risiko. Oft lähmt seine Unschärfe. Im Geschäft ist schnell gesagt: „Das ist zu riskant.“ Schwerer ist die Antwort auf die Frage: Was genau ist das Risiko?
Fürchten wir Umsatzverluste? Einbußen bei der Liquidität? Den Verlust von Schlüsselkunden? Die Reaktion des Teams? Die Kosten der Transformation? Kontrollverlust? Oder schlicht, dass sich die getroffene Entscheidung als falsch erweist? Solange das Risiko ein allgemeiner Begriff bleibt, kann es weit über seine tatsächliche Größe hinauswachsen.
Deshalb sollte man vor einer schwierigen Entscheidung als Erstes die Angst in konkrete Bestandteile zerlegen:
- Was kann geschehen?
- Wie wahrscheinlich ist es?
- Welche Folgen hätte es?
- Was können wir tun, wenn das negative Szenario tatsächlich eintritt?
- Und – ebenso wichtig – was geschieht, wenn wir nichts tun?
Diese letzte Frage wird oft übergangen. Der Status quo wirkt sicher, weil wir ihn kennen. Das heißt aber nicht, dass er frei von Risiko ist. Nichtstun kann weiteren Verlust an Marge, Kunden, Wettbewerbsposition, Zeit oder Energie der Organisation bedeuten. Dann wird die scheinbar „sichere“ Entscheidung in der Praxis zur riskantesten.
Konkretes nimmt der Angst die Macht
Wird ein Problem in Bestandteile zerlegt, geschieht etwas Wichtiges. Aus Unsicherheit werden allmählich Szenarien. Szenarien lassen sich vergleichen. Risiken lassen sich abschätzen. Maßnahmen lassen sich planen. Und die Entscheidung kann bewusst getroffen werden.
Das bedeutet nicht, dass die Angst verschwindet. Das muss sie auch nicht. Die Aufgabe der Analyse ist nicht, zu beweisen, dass nichts Schlimmes geschieht. Ihre Aufgabe ist, uns in eine Lage zu bringen, in der wir wissen, wovor wir uns fürchten, warum, und was wir tun, wenn es tatsächlich eintritt. Das ist der grundlegende Unterschied zwischen Angst und Risikomanagement.
Der größte Fehler ist nicht immer eine schlechte Entscheidung
Unternehmer und Manager fürchten oft die Verantwortung für eine Entscheidung, die sich als falsch erweisen kann. Es gibt aber auch die Verantwortung für die Entscheidung, die nicht getroffen wurde: für Monate des Zögerns, für verpasste Chancen, für bekannte Probleme, die niemand anfassen wollte, für den Schutz eines Geschäftsmodells, das nicht mehr funktioniert.
Deshalb besteht der einzige Weg, Risiko zu begrenzen, manchmal gerade darin, das Risiko der Veränderung einzugehen. Es geht nicht um Wagemut um jeden Preis. Es geht darum, Nichtstun nicht länger als neutrale Option zu behandeln.
Das Risiko muss man zuerst benennen
Allgemeine Probleme machen Angst. Konkrete Probleme lassen sich lösen. Bevor man fragt: „Haben wir den Mut dazu?“, sollte man deshalb eine andere Frage stellen: „Wovor genau haben wir Angst?“ Sehr oft ist die Antwort deutlich weniger beängstigend als die Frage.



